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Sonntag, 23. März 2014

Rezension: Clemens Meyer, Als wir träumten

Rezension: Clemens Meyer, "Als wir träumten"

  
Nein, es geht nicht um Traumdeutung, ist auch kein verklärter Rückblick. Leipzig, Wendezeit, Heranwachsende; Kleinkriminalität, Tekkno-Parties in einer alten Fabrik, Schlägereien. Man muss dieses Mileau nicht mögen, aber es erleichtert die Sache.

Es beginnt mit einem Rückblick auf die Schulzeit in der DDR. Dann folgen zahlreiche zeitliche Sprünge vor und zurück.
Doch jedes Kapitel -und das ist wirklich der Clou- erzählt eine in sich geschlossende Kurzgeschichte, einen Aspekt aus dieser Zeit. Man kann sie alleine lesen und stehen lassen. Doch alle diese Geschichten zusammen entwerfen ein großes, natürlich subjektives, Bild dieser Zeit. Werfen Fragen auf, lösen sie später. „Warum bist du nur so?“, die Frage der Mutter, ist roter Faden. Das „Warum“ wird aber nicht gelöst, nur gründlich beleuchtet.

Ob Abende im Keller einer dunklen, zerfallenden Wohngegend; ob nachmittags im Stadion, Spritztouren mit geknackten Autos, Ladendiebstahl ohne besonderen Grund, Selbstmitleid am Tresen - Meyer schildert gekonnt die jeweilige Stimmung. So auch die Resignation des Vaters ob der vielen Änderungen, was die Jungs natürlich noch nicht verstehen. 

Plötzlich sind über 400 Seiten vorüber, lassen einen staunend zurück, in einem Kaleidoskop dieser Zeit und der Gefühlswelt junger Männer. Die Bilder hallen noch lange nach.
Allein die Erzählweise, geschlossene Geschichten zu einem Netz zu knüpfen, Antworten zu liefern, auf Fragen die erst später gestellt werden, ohne die drängendsten Fragen freilich zu lösen - eben wie im richtigen Leben - in den Raum zu stellen und umfassend zu beleuchten, allein diese aufwändige und genial gelöste Erzählweise, macht es zu meinem absoluten Lieblingsbuch.

Dass Leipzig meine Lieblingsstadt ist, und Einflüsse der Wendezeit bis heute nachwirken, dafür kann Clemens Meyer nichts.



Fischer Verlag
ISBN: 978-3596173051

Samstag, 22. Februar 2014

Rezension: Begräbnis auf dem Mond

Rezension
Harry M. Liedtke, „Begräbnis auf dem Mond“

Dort wo es menschelt


Wohl kaum ein Leser, der Figuren in Erzählungen nicht zum Selbstabgleich nutzt. Der stottert wie ich, der wird vom Pech verfolgt, die sucht sich immer die falschen Männer, und doch schaffen sie es bis zum Schluss ... so oder ähnlich wollen wir es lesen.

Doch was, wenn die Figuren so viel mit den Lesern gemein haben, mit all seinen Unzulänglichkeiten, dass man sich selbst fragt, wie man in der jeweiligen Geschichte handeln würde. Schmunzeln ist garantiert. Und das Tröstliche: so weit wie die Figuren würden wir nie gehen! Höchstens in Gedanken - und da holen sie einen ein, die Geschichten von Harry M. Liedtke.
Wer den Autor live erleben durfte weiß, dass es immer angenehm menschelt und vor Selbstironie sprüht. Und seien wir ehrlich: Genau das wollen wir doch hören.
Wer jetzt vor Scham versinkt und sich lieber gleich auf dem Mond begraben lassen möchte - sorry, auch diese Idee kam hier schon vor. Als Wermutstropfen bleibt lediglich der Wunsch nach mehr davon.




Edition Paashaas Verlag
ISBN 978-3942614320

Samstag, 18. Januar 2014

Rezension "Leise Gedanken"

Dirk Juschkat "Leise Gedanken"

Die Wortlaterne liest ja gerne - und das durch alle Genres und Epochen. 
Diesmal möchte ich zeitgenössische Lyrik vorstellen, die mir gut gefällt: 



 Trittsicher und kurzweilig lenkt Juschkat den Blick abseits der breiten Wege, rückt Aspekte in den Mittelpunkt, an denen man sonst vorbei gehastet wäre. Doch es lohnt sich innezuhalten, und mit ihm zu schmunzeln, leiden, staunen oder amüsiert zu beobachten. Seine Sprache ist „einfach“ und verständlich, aber nicht banal. Nichts Verschwurbeltes oder Überladenes - wer etwas zu sagen hat, kann das auch leiser tun.
Es sind „nur“ kleine Momente, aber sie sind es, die den Blick schärfen und den Weg ebnen - wie das Cover es verspricht.
Ich nehme das Büchlein immer wieder gerne zur Hand.



Cenarius Verlag
ISBN: 978-3940680525
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noch ein
Hinweis in eigener Sache: 

auf meiner alten Seite stelle ich meinen eigenen eBooks vor, mit ein paar Zeilen zu deren Entstehung:

http://www.flosenart.de/wortlaterne/index.php?section=leseproben&projid=13



Dort findet man auch meine "Uralt-Sachen", also wie alles anfing ..... uijuijui :-)
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Sonntag, 1. Dezember 2013

Rezension "Wider Deinen Nächsten"

Die Wortlaterne ist ja immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Büchern. Und des öfteren findet sie echte Perlen, auch abseits der ausgetretenen Wege. 
In loser Folge möchte ich ein paar Bücher vorstellen, die es wert sind gelesen zu werden. 

Wie dieses hier: 

Hans Montag
"Wider Deinen Nächsten"

ISBN: 978-3-86937-382-9













Die DDR ist ja durchaus wieder „hip“. Im Zuge einer süßlichen Retro-Welle machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt…

Und dann kommt Hans Montag. Am Leben einer Kleinfamilie im thüringischen Eichsfeld zeigt er uns, wie es wirklich war.

Im Mittelpunkt dieser charmanten und packenden Erzählung steht Luise, junge Mutter und „Coach“ der Familie.
Zwar denkt sie öfters an ihre Jugendliebe, einst bester Freund ihres Mannes – und zwischenzeitlich im Priesterseminar. Deswegen legt sich ihr Gatte beruflich ins Zeug, will zeigen, dass er die bessere Wahl war. Und dazu greift er sogar auf die Hilfe der Stasi zurück.
All das gestehen sich die Eheleute sogar ein, suchen gemeinsam nach Auswegen. Nur leider ist das hier kein süßlicher Retro-Kitsch, sondern das echte Leben. Das Drama nimmt also Fahrt auf, die schiefe Ebene kippt immer mehr, bis sich alles überschlägt.

Stützpfeiler der jungen Mutter sind nicht nur die bezaubernde Tochter, sondern auch ihre Mutter, der katholische Prior und die Religion selbst. Das klingt reaktionär – aber so war es früher eben.

Kontrapunkt bietet hier der Bruder aus dem Westen, der seine kath. Erziehung allmählich vergisst. Immerhin sind wir im Jahr 1983.
Eingestreut werden Details der Zeit. Der Bruder muss zum Zwangsumtausch (Geld), der „neuerdings“ auch am Wochenende möglich ist. Außerdem zahlt er horrende Zollabgaben an der Grenze.
Der VEB des Gatten produziert mit Hochdruck für den Export in den Westen. Allen wird klar: die DDR ist pleite.
Besuche von und bei der Mutter sind nur mit Passierschein möglich. Sie wohnt im 5 km-Streifen vor der Grenze.

Sehr anschaulich geschildert ist auch der Verfall des Ehemannes, und wie schwer es ihm fällt, über Probleme zu reden.
Die junge Frau macht sich dafür umso mehr Vorwürfe – möchte alles und jeden retten, kann es jedoch nicht.

Es steckt also wahnsinnig viel in diesen 290 Seiten, die ich (entgegen meiner Gewohnheit) verschlungen habe.
Überflogen hatte ich nur kurze Stellen – wenn Dialoge, z.B. am Esstisch, banal wurden.

Wer sich ein wenig für die Welt, deren Geschichte und seine Mitmenschen interessiert, sollte diesem Werk unbedingt eine Chance geben. Es hallt noch ganz, ganz lange nach …

Und Retro? Ach, Retro – das können auch die Anderen …