Samstag, 26. April 2014

Retro-Reisebericht NAMIBIA 2000

Retro-Reisebericht Namibia
Juli 2000


ZITAT
„Bleiben Sie nicht zu lange  – sonst kommen Sie nicht mehr weg.“
Unbekannt




Afrika gilt als die Wiege der Menschheit.
Gibt es hier altüberllieferte Geheimnisse, die bei uns verlorengegangen sind? Ich mache mich auf, es herauszufinden. 



 

Damals hatte ich Urlaub übrig, und Geld auch – und wollte schon lange in einer Wüste sein, und in Afrika.
Die Tour war nicht so teuer (2.800 DM), ich musste unterschreiben, dass sie Expeditionscharakter hat, und mich zur Mithilfe verpflichten, z.B. beim Reifenwechsel etc. Das schreckte wohl Viele ab, denn die eigentlich gewünschte Tour fiel aus. Vier Wochen später musste die nächste Tour also stattfinden, mit 6 Leuten. Und da auch sie vor einer „Expedition“ nicht zurückschreckten, waren sie entsprechend gut drauf.

Ein 12-Stunden-Flug brachte mich über Nacht von Frankfurt nach Windhoek. Petra, Namibiadeutsche und Reiseleiterin, holte uns mit einem VW-Bus ab. Erste Einkäufe, z.B. Briefmarken (damals schrieb man noch Postkarten) – und die Erkenntnis: Schwarze bewegen sich lässiger, haben mehr Geduld und sind herzlicher als ein Durchschnitts-Europäer.

Wir fuhren dann gleich aufs Land, hatten Zeit zum aklimatisieren. Erstmal hinlegen! Das geht so: durch das Moskitonetz schlüpfen, das von einem Haken in der Decke herunter wallert und bis zum Boden hängt. Lüften? Das Fenster im weißen Holzrahmen hochschieben und schauen, dass es irgendwie hält. Ah, besser jetzt! 




Ein Spaziergang? Der „Wald“ heißt hier „Savanne“, die Bäume sind ca. 3-5m hoch; Laubbäume mit weit ausragenden Kronen, am Boden wachsen Grasbüschel, gelb, trocken, und ca. 1m hoch. Die Savanne ist Heimat für Kudus, Oryx-Antilopen, Zebras, Schildraben, Giraffen und vielen Tieren mehr. Tiger, Elefanten und Nashörner gibt es auch, aber nicht überall, eigentlich nur in Nationalparks.

Zum Abendessen gibt es das „Nationalgericht“ Grillfleisch: Kudu, Oryx, oder Rindfleisch, mit Pommes, Kartoffeln oder Reis. Dazu ein kühles Bier nach deutscher Brautradition.

Das weiße Namibia

Namibia war von 1848 bis 1915 deutsche Kolonie (Deutsch Südwest-Afrika). Doch die Deutschen waren nur punktuell vertreten. Ihre Nachfahren konzentrieren sich auf Swakopmund, Windhoek und das Farmland.

Von 1920 bis 1994 wurde das Land vom Nachbarn Südafrika verwaltet, das wiederum eine britische Kolonie war. Offizielle Amtssprache ist Englisch, als Verkehrssprache wird gern Afrikaans benutzt. Währung ist der Namibia-Dollar, der 1:1 dem südafrikanischen Rand entspricht (der überall akzeptiert wird).

Petra spricht fließend und akzentfrei deutsch, ist aber Namibierin. Sie erzählt von einer Reise nach Deutschland, Schikane auf dem Konsulat, bis sie ihr Visum bekam; und ihrer Enttäuschung über unseren Wald – der nicht so toll ist, wie wir immer tun. Ihr Herz gehört eben der Savanne.

Weitere Unterschiede: in Deutschland entstehen Slang-Wörter. Das macht es ihr manchmal schwer zu folgen. In Namibia hat sich die deutsche Sprache nämlich kaum entwickelt (übrigens haben auch Engländer, die lange im Ausland gelebt haben, Angst zuhause nichts mehr zu verstehen).
Kleines Beispiel: Synonyme für ZIGARETTE
Namibia: Glimmstengel
Deutschland: Kippe, Fluppe, Eine-zum-kwarzen, uvm.

Doch dafür bilden sich in Namibia eigene Wörter, meist in Wechselwirkung mit Afrikaans.
Eine Auswahl gibt es z.B. hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Sprache_in_Namibia  

Die Tour beginnt am nächsten Morgen.
Wir fahren durch leeres und flaches Land, Halbwüste, außer dem Highway nicht viel los. Man fährt links. 





An einem „Straßencafé“ halten wir. Hier stehen ein paar Peterbilt-Trucks, hier macht man gerne Rast. Für uns ist es eine „fremde Welt“: An der Wand hängt ein Stick-Tuch, mit einem roten Hahn, und der Inschrift „Guten Morgen“ in gebrochener Schrift. Auf den Tischen liegen Glasplatten, darunter grobmaschige Strickdecken. Alles wie bei Oma! Das war wohl der „Kultur-Import“ damals, an den man sich klammert?

Ich hole mir Krapfen und Mohnschnecke zum Kaffee (alles wie zuhause), und unterhalte mich mit der Betreiberin. Sie ist Deutsche, aus Berlin, die das Café geerbt hatte, und „nur zum schauen“ kam („Bleiben Sie nicht zu lange, sonst kommen Sie nicht mehr weg“.) Nach langem Überlegen wanderte sie aus und übernahm den Laden. Sie hatte es nie bereut.

Safari
Im Etoscha-Nationalpark fährt man auf Safari, dazu gibt es ihn. Immer wieder laufen Zebras, Giraffen und Antilopen über die Straße. Elefanten sieht man um das „Wasserloch-für-Elefanten“. Und auch Löwen sehen wir unterwegs. Hier ist das Afrika aus den Bilderbüchern. 


Ach ja: das stärkste Tier der Savanne, u.a. mit dem kräftigsten Gebiss, ist ... errät es jemand? ... die Hyäne. Da wir sie aber nicht so sympathisch finden, räumen wir diesen Rang dem (in etwa ebenbürtigen) Löwen ein. 



Spätabends machen wir eine Extrarunde, zum „Wasserloch-der-Nashörner“ (Okoukuejo). Ich zünde meine Räucher-Spirale im Zimmer an, sprühe mich mit Mückenspray ein, ziehe meine helle und vor allem langärmlige Safari-Klamotten an, und komme mit. Am Wasserloch sind Scheinwerfer aufgebaut, Mücken fliegen herum. Ich rauche Kette, der Qualm hält die Moskitos ab. Aber ich übertreibe – die Meisten sitzen in kurzen Klamotten herum.
Natürlich schlucke ich brav meine Malaria-Prophylaxe, wie jeder hier. Aber Namibia gilt in Sachen Malaria als „grenzwertig“, also fast als ausgerottet.
Tatsächlich kommen die Nashörner!

In meiner Hütte bin ich nicht allein. Geckos laufen Wände und Decke ab. Sie sind bunt, irgendwie putzig, und bewegen sich lautlos. Mit ihrer langen Zunge fangen sie Moskitos. 



Springböcke



Der Elefant ganz rechts muss Schmiere stehen


On the road
Das Farmland besteht aus gelben Grashalmen, ca. 1m hoch, auf dem Rinder herumlaufen. Der Boden ist zu karg für Obst oder Gemüse, also bleibt nur Rind. Die Tiere laufen herum und fressen, bis sie satt sind.
Rindfleisch ist hier sehr zart, frisch und superlecker. Obst und Gemüse kommen aus Südafrika.
Juni und Juli sind Winter auf der Südhalbkugel. Tags hat es um die 25°C, nachts runter bis 3°C. Das Farmland liegt auf ca. 1.000 Höhenmetern.

Doch plötzlich kommt der Bruch. In steilen Serpentinen geht es ungefähr 600m hinab, die Bruchkante führt ins Tiefland und an die Küste.

Wir kommen nach Swakopmund, am Südatlantik. Die gelbe Neo-Barockkirche der Lutherischen Gemeinde sieht nach Süddeutschland (der Architekt war aus Bayern) aus, Altbaufassaden (des Hohenzollernhauses) nach Berlin, Fachwerkhäuser eher rheinisch. Dazwischen stehen knallbunte Häuser neueren Baujahrs. Auf mich wirkt es eher wie eine Disney-Kulisse, denn nach Heimat. Aber genau diese schrille Mischung macht den Reiz aus. Während die Anderen auf Shopping-Tour sind, sitze ich im „Lighthouse“, einem (englisch inspirierten) Pub mit Meerblick, und teste Castle-Lager aus Südafrika.
Der Strand ist voll mit Jugend, hauptsächlich Schwarze (klar, die Weißen machen nur 1/5 der Bevölkerung aus). Und wiederum kommen sie mir freundlicher und glücklicher vor.
Abends stehen wir alle am Meer und gaffen hinaus, es hat jetzt auch um die 20°C Nachttemperatur. Die einheimischen Gäste fehlen im Winter, es ist „Saure-Gurken-Zeit“. Sie kommen im Sommer, zum abkühlen. 



in Swakopmund

Das Lighthouse Pub, Swakopmund


Ab in die Wüste!
Ein Tal entlang führt die Straße in die Sandwelt. Zuvor fuhren wir durch zerfurchtes Flachland, das zwar als Wüste zählt, aber nicht unseren Vorstellungen von ihr entspricht.
    Die Namib reicht übrigens bis ans Meer heran. Eine kalte Meeresströmung von der Antarktis (der Benguela-Strom), die sogar Pinguine mitbringt, kühlt die Wolken, so dass sie sich schon auf dem Meer abregnen.
Höchstens Nebel kriecht vom Meer herein. So kommt es, dass man immer wieder Pflanzen in der Wüste sieht, die sich rein von Nebel ernähren. Die bekannteste ist die Welwitschia, mit ihren langen Blättern. Nicht selten werden die Pflanzen mehrere hundert Jahre alt. 






Und plötzlich sind wir mittendrin! Dünen türmen sich auf.
Düne 45 ist der Pflichtbesuch (45 km vom „Eingang“). Wir steigen am Kamm hoch, unterschiedlich schnell. Von likns pfeift Wind, bläst den Sand nach rechts, auf die „Lee-Seite“. So wandert die Düne. Ich steige auf der Lee-Seite hinab. Und bewege mich wie in Zeitlupe – der Sand bremst meine Bewegungen. 





Ich setze mich hin, und lasse es wirken. Ich höre: nichts! Der Sand schluckt den ganzen Schall.
Ich schaue über die Dünenwelt. Und stelle mir vor, was sich in den letzten 2000 Jahren hier geändert hat. Diese Düne war vielleicht hundert Meter mehr dort, und diese hier ...
Unten wuseln die Touristen, halten an, posieren, knipsen, fahren weiter.
Ich stelle mir vor, wie sich die Menschheit in den letzten 2000 Jahren verändert hat. Mächtige setzen sich durch, doch im Zeitraffer (damit man die Wanderbewegung der Dünen zum Vergleich hat, also rein imaginär) kann ich sie von hier oben gar nicht wahrnehmen, schon sind sie wieder weg. Reiche wachsen, dehnen sich aus, verdrängen andere Reiche, zerfallen, werden geteilt, bringen neue Länder hervor.
Und wieder kamen neue Menschen, neue Herrscher, neue Kriege, alles wird ganz großartig – und wieder sind sie stolz und bedeutend. Doch was bleibt von ihnen?

Während der Wind weiter die Dünen umschichtet, in einem ewigen Spiel, neben dem wir lächerlich aussehen? Auf einmal kam mir die Menschheit so klein und unbedeutend vor ...

Am Sossusvlei ist Wasser im See, die Bäume an seinem Ufer stehen grün. Es ist ein herrlicher Anblick: ein See in der Dünenwelt. 






Das schwarze Namibia
Von Petra hatten wir von der Lebensweise der Schwarzen erfahren. Die sieht in etwa so aus:
Man wohnt in einer Lehmhütte. In deren Mitte brennt ein Feuer.
Feuer ist: Wärme, Licht, Kochstelle, und Qualm gegen Moskitos.

Die Hütte steht dort, wo die Rinder grasen – von denen man lebt. Zieht die Herde weiter, zieht man hinterher, baut woanders ein neues Haus.
Reichtümer, Familienschätze oder ein „repräsentatives“ Haus sind also fehl am Platz und bedeuten ihnen nichts.

Muss man wohin fahren (und hat kein Auto), setzt man sich an die Straße und wartet. Nachts macht man ein Lagerfeuer. Andere gesellen sich dazu, und man palavert. Irgendwann hält ein Auto – wenn nicht heute, dann morgen ...

Es heißt, Afrika sei die Wiege der Menschheit. Kann man hier auch das Wesentliche des Menschseins wiederfinden?
Mir kam es so vor, als hätten die wesentlichen Dinge des Lebens mehr Raum bei ihnen. Man braucht eine Bleibe, sauberes Trinkwasser, genug zu essen, Gemeinschaft mit anderen Menschen. Man muss auch wissen, wenn es genug ist. Sich für seine Welt interessieren, und an den kleinen Dingen freuen können.
Die „weißen Werte“, wie Reichtum, Erfolg und Ruhm, kamen mir so unbedeutend vor.
Eine große Bindung zu den wirklich wichtigen Aspekten des Lebens, so gut wie keine Bindung zu den unwichtigen – ist das der Ursprung der Menschheit?


NACHKLANG (Kulturschock)
Das Flugzeug spuckt mich in Frankfurt aus. Im ICE döse ich vor mich hin, freue mich auf Döner in München um 12 Uhr. Es ist ein Montag Vormittag. Wer fährt um diese Zeit mit dem ICE? Genau: Geschäftsleute! Kühl und in grauen Anzügen, spielen sie am Handy, oder lesen Zeitung – den Börsen- und Wirtschaftsteil.

Ein Sturm muss über Deutschland hinweggefegt sein. Überall liegen abgerissene Äste herum. Und dann die Durchsage: wegen Oberleitungsschaden verspäten wir uns um 30 Minuten.
Ich denke mir: okay, Döner um 12:30 (klar, ich bin ja noch in Urlaub).
Um mich herum entwickelt sich nervöser Aktionismus. Jeder ruft irgendjemanden an. „Ich bin jetzt zwischen ... und ... Unser Business-Termin ... ich komme 30 Minuten später ...“ Es war eine äußerst wichtige Angelegenheit.
Danach ging es wieder um Aktienkurse – also den virtuellen Reichtum irgendwelchen Papiers, in einem abgeschlossenen, abstrakten System ...
Jetzt hatte ich meinen Kulturschock.

Natürlich mache ich es genauso, keine Frage. Nur damals war es für mich ein harter Kontrast.

Vielleicht bin ich gerade noch rechtzeitig aus Afrika zurückgekehrt (nach 2 Wochen?). Hätte ich sonst nicht mehr in den Alltagstrott zurückgefunden?

„Bleiben Sie nicht zu lange  – sonst kommen Sie nicht mehr weg.“
 
Schlußbemerkung:
ein paar Sehenswürdigkeiten hatte ich im Bericht ausgelassen. Zum einen erinnere ich mich nicht mehr an alles, zum anderen wollte ich den Unterschied zwischen weißer und schwarzer Welt herausarbeiten.

Schlußbemerkung 2:
Natürlich können Schwarze genauso Ruhm und Reichtum erreichen. Es liegt nicht an den Menschen, sondern wohl eher am Kulturkreis, in dem sie aufwachsen.
 
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Eine Runde „so geht“:
auf einer Farm übernachten (für Selberfahrer):
auf den Hof fahren und hupen. Ja, hupen. Die Leute sind ja bei der Arbeit, und bemerken einen nicht gleich. Da sie aber zu einem guten Teil vom Tourismus leben, sind sie froh über Besucher. Abends wird dort i.d.R. gegrillt (zum "Essen fahren" wäre eh nicht möglich).

VISUM
bei Anreise.

IMPFUNG
wer in den Etoscha-NP will, dem wird Malaria-Prophylaxe empfohlen. Sind Tabletten, die man ein paar Tage vorher anfängt zu nehmen, bis ein paar Tage nach Rückkehr. 



Reiseveranstalter: Lernidee Reisen, Berlin



KLANGKISTE

Wer Namibia-Deutsch hören will, kann Hitradio Namibia suchen und hören, z.B. hier:
Hitradio Namibia:
http://www.surfmusik.de/radio/hitradio-namibia,15952.html

Ladysmith Black Mambazo
Ein A-Cappella Chor aus Südafrika.
Lief in einem Restaurant, das ein Deutschstämmiger führte, und versetzte meine Mitreisenden in Verzückung:
http://www.youtube.com/watch?v=28VafAxaHpM  


Vieux Farka Touré:
stammt aus Mali, seine Musik wird als „Wüsten-Blues“ beschrieben.
Für mich einer der unterschätztesten Musiker derzeit:
http://www.youtube.com/watch?v=oMpVCa_Qgpk



Was ich immer höre: 
Auf iTunes: 
Afriki Djigui Theatri
(Ein Stream aus Frankreich, der nur afrikanische Musik sendet, ohne Werbung, ohne Nachrichten. Kommt aus Marseille, ein afrik. Theater sendet, der großen Nachfrage wegen, Musik die ihnen gefällt). 

http://www.djigui.org/


Donnerstag, 27. März 2014

Loretta auf dem Stein

Vielen Dank allen Besuchern am 26.03. bei unserem "Heimspiel" der Autorengruppe Punktum, im Rathaus von Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Es war schön so viel Verzückung über meine Zeilen zu erfahren. 

Beim Frühjahrsputz hatte ich diesen alten Text von 2008 ausgegraben, zum Themenbereich "Frühlingsgefühle". Es ist das längste, und auch letzte Gedicht, das ich gemacht habe (das Eine hat nichts mti dem Anderen zu tun). 
Die mythologische Vorlage sollte erkennbar sein; die Sprache ist eher flapsig - aber ich denke, bei diesem Text muss das so sein ... Los geht's: 














„Loretta auf dem Stein“
Es geschah vor gar nicht allzu langer Zeit,
da war sie wegen sagenhafter Schönheit,
bekannt im großen und ganzen Land,
die Loretta, in stets feinem Gewand.

Die Männer kamen von nah und von fern,
manch einen hatte sie auch gern,
doch auch der musste bald wieder gehen,
schnell konnte sie ihn nicht mehr ausstehen.

Viele junge Männer sind unterwegs zu ihr,
fürchten keinen Tod und Teufel, sind stark wie ein Stier,
und tagelang unterwegs zu ihr, auf dem großen Fluss,
ahnen nichts von dem Schicksal, das sie ereilen muss.

Denn noch sind sie jung und strotzen vor Kraft,
haben im Leben schon viel Schweres geschafft,
wenn sie jetzt die schönste Frau des Landes gewinnen,
wird endlich das große Leben für sie beginnen.

Sie thront hoch oben, auf ihrem kalten Felsen,
genießt den Anblick aus sich verrenkenden Hälsen,
und freut sich schon, ihr Spiel mit ihnen zu spielen,
ein gefährliches Spiel, dem Viele schon zum Opfer fielen.




Auf dem Strom kommt der Sigi um die Ecke,
er hat weder Furcht noch Tadel, ist ein echter Recke.
Doch noch ist er blind und hat keine Ahnung,
ignoriert den hohen Fels – er wäre die erste Warnung.

Noch thront sie hoch oben, kämmt ihr langes Haar,
und der tapfere Sigi, denkt sich: für wahr –
so eine Schönheit habe ich noch nie gesehen;
allein dafür lohnt es sich unterzugehen.

So beginnt er sein Buhlen, um ihre Gunst,
bringt ein Ständchen auf der Laute, noch den Regeln der Kunst,
springt in den Fluss, um gegen die kalten Fluten zu schwimmen,
geht an Land, beginnt den hohen Fels zu erklimmen.

Schon steht er vor ihr, möchte sie berühren,
doch sie lässt sich erst – zum essen ausführen.
Sigi muss Manieren und guten Stil beweisen,
in einem noblen Haus, bei feinen Speisen.

Denn dabei kann man sehr viel falsch machen,
die Kritik an ihm: findet er nicht zum lachen.
Loretta erweist sich als launische Zicke,
nörgelt und beschimpft ihn ziemlich dicke.

Wäre da nicht ihre bezaubernde Schönheit,
er wäre zu keinen weiteren Schritten bereit,
doch sie will ihm noch mal großherzig verzeihen,
er darf sich in die Schar ihrer Verehrer einreihen.

Er weiß nicht recht – soll er sich freuen?
Oder wird er diese Eroberung schon bald bereuen?
Doch erst muss er sich neu einkleiden,
Loretta ist mit Ansprüchen nicht gerade bescheiden.

Sie genießt es, ihn zu verändern und zu formen,
gefällt sich als schöne Rose mit vielen Dornen,
sie mag es, wenn sich alles nach ihren Wünschen gestaltet,
sich außer ihr kein anderer mehr entfaltet.

Der Sigi aber verkümmert immer mehr und leidet,
merkt wie sie sich an seiner Schwäche weidet,
und nach zwei Wochen endloser Diskussion,
überdenkt er seine neugewonnene Position.

Er hat die schönste Frau des Landes zur Seite,
doch sie ist eine zur Gewalt Bereite.
Über ihre ständig wechselnden Launen,
kommt er nicht mehr aus dem Staunen.

Er kann sich hier nicht weiter entfalten,
in dieser schlechten Stimmung, der eiskalten,
ihm fehlt nun alles, das ihm Freude schafft,
ihm zu Wachstum hilft – und zu neuer Kraft.

So denkt er sich, das wird ihm zu blöde,
immer der Dumme sein, ist ihm zu öde,
wenn das so weiterläuft, geht er vor die Hunde,
also tritt er zu ihr, in die letzte Runde.

Doch Loretta hat es längst schon gemerkt,
kommt ihm zuvor und hat ihren Tonfall verstärkt:
du bist zu mir nur böse und gemein,
mit dir kann ich nicht länger sein!

Erleichtert steigt er den Fels hinunter,
fühlt sich unten angekommen wieder munter,
betrachtet all die Boote, die hier strandeten,
Fußspuren, Pläne und Hoffnungen, die hier versandeten.




Albin ist der nächste, der sich zu ihr müht,
seine Ankunft kommt für sie verfrüht,
sie arbeitet noch an ihrer schönen Fassade,
doch er fährt ihr in die Parade.

Nach deinen Vorstellungen willst du alles gestalten,
beginnt er seine Rede ungehalten;
einem Schiffsfriedhof gleicht nun deine Welt,
in der es dir selbst nicht mehr gefällt.

Ich will nichts von dir, dafür bin ich zu alt,
zwar wirkst du schön, mit deiner Gestalt,
doch dein Herz gleicht einer Gefriertruhe,
du erschaffst dir keine Herrschaft, sondern Grabesruhe.

Du magst dich selbst jeden Tag weniger,
wirst nur eitler, leerer und spleeniger,
versteckst dich hinter Stoffen und Düften, edlen und süßen,
doch für deine Leere lässt du andere büßen.

Du suchst ständig nach neuen Feindbildern,
doch ein Sieg kann deine Not nicht lindern.
Das Spiel beginnt wieder von vorne,
brauchst neue Ziele für deinen Zorne.

Du solltest bei dir selbst beginnen,
ein gesundes Selbstgefühl zu gewinnen;
schließ erst mit dir selbst wieder Frieden,
dann ist dir auch mehr Freude im Leben beschieden.

Denn sieh hinab auf das Trümmerfeld,
über dem du thronst – es ist deine Welt,
du hast sie dir erschaffen, aus Arroganz und Eitelkeit,
doch wer ist in ihr zu leben bereit?

Weh mir!, klagt nun die schöne Frau,
nach dieser erkenntnisreichen Schau.
Mein Werk ist dieser Trümmerhaufen,
alle feschen Männer sind mir weggelaufen.

Die von mir begangenen Grausamkeiten,
lassen sich nicht mehr abstreiten,
die Folgen sind sichtbar, es ist zu spät,
mir hilft keine Kur mehr, und keine Diät.

Vom Felsen stürzt sich nun die Schöne,
die Sehnsucht vieler guter Leute Söhne,
Albins Einspruch bleibt ungehört,
was ihn sichtlich und nachhaltig verstört.

Zur Einsicht war Loretta nicht bereit,
daran hinderte sie ihre Eitelkeit.
Vernunft auf der Welt bleibt weiter unerreicht,
ihren leblosen Körper zu entsorgen – ist dagegen leicht.


Sonntag, 23. März 2014

Rezension: Clemens Meyer, Als wir träumten

Rezension: Clemens Meyer, "Als wir träumten"

  
Nein, es geht nicht um Traumdeutung, ist auch kein verklärter Rückblick. Leipzig, Wendezeit, Heranwachsende; Kleinkriminalität, Tekkno-Parties in einer alten Fabrik, Schlägereien. Man muss dieses Mileau nicht mögen, aber es erleichtert die Sache.

Es beginnt mit einem Rückblick auf die Schulzeit in der DDR. Dann folgen zahlreiche zeitliche Sprünge vor und zurück.
Doch jedes Kapitel -und das ist wirklich der Clou- erzählt eine in sich geschlossende Kurzgeschichte, einen Aspekt aus dieser Zeit. Man kann sie alleine lesen und stehen lassen. Doch alle diese Geschichten zusammen entwerfen ein großes, natürlich subjektives, Bild dieser Zeit. Werfen Fragen auf, lösen sie später. „Warum bist du nur so?“, die Frage der Mutter, ist roter Faden. Das „Warum“ wird aber nicht gelöst, nur gründlich beleuchtet.

Ob Abende im Keller einer dunklen, zerfallenden Wohngegend; ob nachmittags im Stadion, Spritztouren mit geknackten Autos, Ladendiebstahl ohne besonderen Grund, Selbstmitleid am Tresen - Meyer schildert gekonnt die jeweilige Stimmung. So auch die Resignation des Vaters ob der vielen Änderungen, was die Jungs natürlich noch nicht verstehen. 

Plötzlich sind über 400 Seiten vorüber, lassen einen staunend zurück, in einem Kaleidoskop dieser Zeit und der Gefühlswelt junger Männer. Die Bilder hallen noch lange nach.
Allein die Erzählweise, geschlossene Geschichten zu einem Netz zu knüpfen, Antworten zu liefern, auf Fragen die erst später gestellt werden, ohne die drängendsten Fragen freilich zu lösen - eben wie im richtigen Leben - in den Raum zu stellen und umfassend zu beleuchten, allein diese aufwändige und genial gelöste Erzählweise, macht es zu meinem absoluten Lieblingsbuch.

Dass Leipzig meine Lieblingsstadt ist, und Einflüsse der Wendezeit bis heute nachwirken, dafür kann Clemens Meyer nichts.



Fischer Verlag
ISBN: 978-3596173051

Samstag, 22. Februar 2014

Rezension: Begräbnis auf dem Mond

Rezension
Harry M. Liedtke, „Begräbnis auf dem Mond“

Dort wo es menschelt


Wohl kaum ein Leser, der Figuren in Erzählungen nicht zum Selbstabgleich nutzt. Der stottert wie ich, der wird vom Pech verfolgt, die sucht sich immer die falschen Männer, und doch schaffen sie es bis zum Schluss ... so oder ähnlich wollen wir es lesen.

Doch was, wenn die Figuren so viel mit den Lesern gemein haben, mit all seinen Unzulänglichkeiten, dass man sich selbst fragt, wie man in der jeweiligen Geschichte handeln würde. Schmunzeln ist garantiert. Und das Tröstliche: so weit wie die Figuren würden wir nie gehen! Höchstens in Gedanken - und da holen sie einen ein, die Geschichten von Harry M. Liedtke.
Wer den Autor live erleben durfte weiß, dass es immer angenehm menschelt und vor Selbstironie sprüht. Und seien wir ehrlich: Genau das wollen wir doch hören.
Wer jetzt vor Scham versinkt und sich lieber gleich auf dem Mond begraben lassen möchte - sorry, auch diese Idee kam hier schon vor. Als Wermutstropfen bleibt lediglich der Wunsch nach mehr davon.




Edition Paashaas Verlag
ISBN 978-3942614320

Sonntag, 26. Januar 2014

Durchgefroren

Ich liebe ja den Winter, wirklich! Doch eines Tages sprang mein Auto nicht mehr an, und ich musste auf den Mann vom Pannendienst warten. Lange warten. 2 Stunden, in der Kälte. Und das ging so: 









Durchgefroren

Von allen Seiten kommt Kälte, ob ich gehe, atme oder stehe. Sie dringt mir in die Knochen, ich entkomme ihr nicht. Seit fast zwei Stunden warte ich auf den Mann vom Pannendienst. Im Fahrzeug ist es auch nicht besser, die Kälte kommt durch jede Ritze, hat den Wagen komplett durchgekühlt.

Nebel kommt übers Feld gekrochen, zieht langsam auf, schon hüllt er mich ein. Das Licht der Laternen zerfließt in ihm, dringt kaum noch bis zu mir. Seine eisigen Tropfen dringen mir durch die letzten Hüllen, lassen mich schlottern. Wo sind die verlassenen Bürogebäude? Stehe ich noch auf der Straße, oder trägt mich der Nebel fort?

Die Schwaden lassen mich aus. Scheinwerferlicht und Motorengeräusch kommen die Straße entlang, ich gehe darauf zu, doch der Wagen fährt vorbei. Ich habe genug vom warten, genug von kalter Nacht, genug von Pannen, genug, genug, genug! Doch das bringt mich auch nicht weiter, ich stehe immer noch hier.

Weißes Wabern in dunkler Nacht, Kälte die mir unter der Haut steckt, und ich warte, warte, warte. Gehe auf, und ab, und auf. Habe längst genug, und das hilft mir nicht. Gehe auf, und ab, ein Auto fährt vorbei, ich warte, warte, warte. Meine Laune weicht der Kälte, die mir weiter in die Glieder dringt.

Wieder kommt ein Auto, langsam, suchend. Ja, das ist er! Ich kann kaum noch reden, er ebenso, doch das ist auch nicht nötig. Ein kurzer Impuls in die kaputte Batterie lässt mein stählernes Gefährt starten. Ich fahre durch die finstere Winternacht, mit Hilfe dieses Funkens. Bleibe ich stehen, ist es vorbei. So fahre ich angespannt dahin, darf keinen Fehler begehen. Aus der Lüftung bläst mir der Frost entgegen, der mich längst schon im Griff hat. 




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Samstag, 18. Januar 2014

Rezension "Leise Gedanken"

Dirk Juschkat "Leise Gedanken"

Die Wortlaterne liest ja gerne - und das durch alle Genres und Epochen. 
Diesmal möchte ich zeitgenössische Lyrik vorstellen, die mir gut gefällt: 



 Trittsicher und kurzweilig lenkt Juschkat den Blick abseits der breiten Wege, rückt Aspekte in den Mittelpunkt, an denen man sonst vorbei gehastet wäre. Doch es lohnt sich innezuhalten, und mit ihm zu schmunzeln, leiden, staunen oder amüsiert zu beobachten. Seine Sprache ist „einfach“ und verständlich, aber nicht banal. Nichts Verschwurbeltes oder Überladenes - wer etwas zu sagen hat, kann das auch leiser tun.
Es sind „nur“ kleine Momente, aber sie sind es, die den Blick schärfen und den Weg ebnen - wie das Cover es verspricht.
Ich nehme das Büchlein immer wieder gerne zur Hand.



Cenarius Verlag
ISBN: 978-3940680525
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noch ein
Hinweis in eigener Sache: 

auf meiner alten Seite stelle ich meinen eigenen eBooks vor, mit ein paar Zeilen zu deren Entstehung:

http://www.flosenart.de/wortlaterne/index.php?section=leseproben&projid=13



Dort findet man auch meine "Uralt-Sachen", also wie alles anfing ..... uijuijui :-)
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Samstag, 11. Januar 2014

Danke an die Leser

Ein großes und herzliches Dankeschön geht an alle Leser der Wortlaterne und meiner kleinen Werke! 

Die Gratis-Aktion für "Geisterbräute Heute" brachte über 140 Leser, seitdem verkauft sich das eBook auch regulär, und das nicht schlecht, wie ich finde.
Vielen Dank!





Für Rückmeldungen jeder Art habe ich immer ein offenes Ohr. Als Kommentar zu diesem Artikel, als Rezension, per E-Mail, facebook, oder bei einem der nächsten Auftritte mit PUNKTUM. 

Und was mache ich mit der ganzen Kohle? 
Das ist eh nicht viel. Und das bisschen gebe ich vollständig für Kompensationsgüter aus, während ich an den nächsten Ideen kritzle ... 


Die Gratis-Aktion für "Nächste Ausfahrt: Nebelende" brachte übrigens auch über 140 Leser. Ich hoffe, das Werk hat euch ein wenig Lesevergnügen bereitet. 

Die Kurzromane habe ich übrigens im Preis gesenkt, auf das (neue) Minimum von 0,89 EUR. 

Als kleines Dankeschön gibt es am Sonntag den 12.01.2014 "Rasthof des Jahres" gratis zum Download: 
http://www.amazon.de/Rasthof-Jahres-Robert-K%C3%B6nigshausen-ebook/dp/B00F1F7QQA/ref=sr_1_4?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1389423538&sr=1-4

Viel Spaß mit der Lektüre! 




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