Sonntag, 28. August 2011

Der Navigator












„Kurs eins vier acht“. Die Stimme des Piloten durchdringt die angespannte Ruhe.

Schon setze ich den Zirkel an. Trage den Kurs in meine Karte ein. Vergleiche mit der vorgegebenen Flugroute. Seit Stunden kämpfen wir schon gegen einen Sturm auf dem Nordatlantik. Ständig bringt er uns vom Kurs ab

Eins vier acht. Das liegt ja weit daneben. Ich vertiefe mich in Konstruktionen und Rechnungen. Immer wieder wird unser Flugzeug durchgerüttelt. Eine SuperConny, Baujahr 1956, das modernste Flugzeug im Personenverkehr. Wir müssen gegensteuern. Nach meinen Berechnungen auf Kompass eins acht sieben.

„Eins acht sieben?! Bist du sicher?“. Unruhe schwingt in der Stimme des Piloten mit.
Der Copilot meldet einen Höhenverlust von zweitausend Fuß. Draußen toben Naturgewalten, fordern uns heraus.
Der Pilot bringt die vier Propeller auf mehr Leistung, richtet die Maschine neu aus. Wir alle hoffen, dass die Motoren durchhalten. Ein Ausfall würde uns gerade noch fehlen.

Ich schaue aus dem Fenster. Unter uns ist das ewige Meer. Draußen brummen unsere Motoren. Es sieht überall gleich aus. Seit Stunden sehe ich nur dieses graue, stürmische Meer, wenn die Wolken den Blick freigeben. Je länger ich es ansehe, desto mehr zieht es mich in seinen Bann. In Gedanken versinke ich im dunklen Wasser, wäre endlich erlöst von quälender Pflicht.
Viele Stunden sind wir schon unterwegs. Aber kommen wir auch jemals an? Macht es Sinn, weiter zu wollen? All unsere Kräfte aufzuwenden, nur um geradeaus zu kommen?

Die Stimme des Piloten, mit der Meldung unseres Kurses, bringt meine Gedanken zurück zu meinen Berechnungen. Denn mache ich einen Fehler, einen kleinen vielleicht nur, dann verpassen wir unsere Landebahn. Also muss ich weiterhin rechnen und konstruieren, damit wir geradeaus kommen.

Der Pilot gibt die Position durch. Ich konstruiere und vergleiche wieder. Das Flugzeug ächzt, knarzt und wackelt. Abermals müssen wir nachbessern. Ruhig gebe ich die neuen Zahlen weiter. Ich muss zu lang aufs Meer geschaut haben, denn wir lagen diesmal in der anderen Richtung zu weit ab. Fehler kann ich mir keinen erlauben, sonst kommen wir nie an. Bei solchen Turbulenzen muss ich ständig den Kurs überprüfen. Nur damit wir geradeaus fliegen können.

Wiederum starre ich aufs Meer. Nach all den Stunden des Navigierens und Korrigierens sieht es unten immer noch gleich aus. Als wären wir nicht vorangekommen. Würde ich im dunklen Meer versinken, käme ich endlich zur Ruhe. Ich bin meiner Aufgabe müde. Doch ein Ende des Sturms ist nicht in Sicht.
Immer wieder rüttelt er uns durch. Wird das Flugzeug durchhalten? Werden wir aushalten? Der Einzelne wäre verloren über dem Meer. Doch das Flugzeug schweißt zusammen. Aufgeben wäre egoistisch. Nur die Verantwortung für Passagiere und Kollegen hält mich aufrecht. Hoffentlich halten die Motoren durch.

Die Stimme des Copiloten, mit der Meldung unserer Flughöhe, reißt mich aus meinen Gedanken. Der Pilot gibt mir die Position durch, damit ich den neuen Kurs bestimmen kann.

Sieben Stunden mühen wir uns schon. Das Festland kann also nicht weit sein. Vielleicht sind wir kurz vor dem Ziel. Ich muss aufpassen und rechnen, nur damit wir dort ankommen. Andauernd bringt uns Seitenwind vom Kurs ab.

Ich rechne ständig wie wir geradeaus kommen.
Der Pilot trinkt seinen Kaffee und schweigt.
Um uns ist nur das endlose Meer.



Anmerkung:
Die Rohversion entstand 1995, zuletzt überarbeitet 2008.
Ich freue mich bis heute, wenn mir Leser erzählen, dass es sie "irgendwie" packt, staunend und "im Flugzeug sitzend" zurücklässt. Es ist aber auch nicht einfach, nur geradeaus zu kommen...
Anbei: ich träume noch von einem optischen und musikalischen Rahmen dazu (die Nebelmaschine habe ich selbst). ...

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